Entwicklung ist Beziehung

 

«Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das gilt auch für geistig behinderte Menschen mit einer Verhaltenproblematik. Analog nämlich zum wirklichen Bemühen einen Zugang zu ihnen zu finden,
bessert sich ihr Verhalten.»

Veronika Kisling


Helena, die Protagonistin des geplanten Films galt lange Zeit von ihrem Verhalten her als untragbar. Wie es schlussendlich gelang einen Weg zu ihr zu finden, darüber erzählt der Film.

Der Film ist fürs Kino konzipiert. Als Bonusmaterial zur DVD, wird es ein ausführliches Interview geben mit Frau Dr. Barbara Senckel. Sie ist bekannt geworden mit der Methode der „Entwicklungsfreundlichen Beziehung“. Ausgehend von ihren umfassenden theoretischen Einsichten und praktischen Erfahrungen hat sie - zusammen mit Ulrike Luxen - ein Konzept entwickelt, wie Eltern, BegleiterInnen und Therapeuten Menschen mit Entwicklungsproblemen, psychischer Störung und/oder geistiger Behinderung besser verstehen und ihnen bei der Entfaltung ihrer Persönlichkeit helfen können. Folgender Beitrag gibt einen Einblick in diese Arbeit.


Den Zugang finden

Der Umgang mit Menschen, die an einer Behinderung leiden, wird im Alltag oft stark vom medizinischen Befund geprägt. Dabei kommt der Mensch in seiner Gesamtheit oft zu kurz, der Zugang zu ihm bleibt häufig versperrt. Anders ist es, wenn der psychologischen Dynamik von Verhaltensproblemen genügend Beachtung geschenkt wird.

Menschen mit einer Behinderung zu begegnen scheint auf den ersten Blick schwierig zu sein. Wie soll ich dem Menschen begegnen? Wie kann ich mit ihm sprechen? Wie soll ich mich verhalten? Fragen, die sich nicht nur Angehörige von Menschen mit einer Behinderung stellen, sondern mit denen sich alle Kontaktpersonen befassen sollten. Eine Antwort zu den körperlichen Aspekten der vielfältigen Behinderungen gibt die Schulmedizin. Sie versucht die Behinderung möglichst genau zu beschreiben, erfasst deren Auswirkungen und schlägt, sofern vorhanden, Medikamente sowie Therapien zur Behandlung vor. Nur zu oft greift dieser Ansatz aber zu kurz, wie Veronika Kisling mit der Geburt und dem Aufwachsen ihrer Tochter Helena erlebt.
Einfach ausgeliefert sein?

„Helena ist jetzt 16 Jahre alt und wir blicken beide auf einen langen, sehr herausfordernden Weg zurück. Sie leidet an der seltenen Krankheit Tuberöse Sklerose. Zum Krankheitsbild gehört laut medizinischer Beschreibung meist eine geistige Behinderung und eine Epilepsie. Ebenfalls werden Verhaltensstörungen als sehr häufig genannt. Und genau das ist mir und Helena zum Verhängnis geworden. Bei mir ist der Eindruck entstanden, diesen Verhaltensstörungen einfach ausgeliefert zu sein, da sie ja sowieso stoffwechsel- respektive hirnphysiologisch bedingt seien.“ Die kleine Helena hielt ihre Mutter Tag und Nacht auf Trab, zeigte starke autistische Züge und erlitt immer wieder epileptische Anfälle. „Ihr Verhalten wurde immer schwieriger und ihre Umgebung – ich, ihre BetreuerInnen, Freunde von uns – liessen sich dadurch immer mehr an den Rand drängen. Mit der Zeit waren alle Menschen, die mit ihr zu tun hatte, einfach nur noch am Reagieren. Das verschlimmerte aber Helenas Not offenbar noch mehr. Die Negativspirale drehte sich immer schneller.“
Negativspirale gestoppt
In dieser Phase kam Veronika Kisling in den Kontakt mit einem erfahrenen Therapeuten, welcher mit seinem Betreuungskonzept die Negativspirale nicht nur stoppen, sondern sie in eine Positivspirale umzuwandeln vermochte. „Der erste Schritt, die Negativspirale in eine Positive umzudrehen, war es, sehr bewusst jede Chance zu nutzen Helena gegenüber sich vom Reagieren zu lösen und zu agieren. Ein Kind, egal ob behindert oder nicht, erlebt Erwachsene, die immer nur reagieren, nicht wirklich als Gegenüber.“ Die Konsequenz davon ist, dass es sich in seinem Grundbedürfnis, von einem erfahrenen Menschen geleitet zu werden, nicht wahrgenommen und dementsprechend auch nicht ernst genommen fühlt. Das führt zu Ängsten, die nur zu oft in Aggressionen umschlagen können.
„Der nächste Schritt war, Helena manchmal auch etwas zu entgegnen und meine eigene Angst vor ihren sehr heftigen Reaktionen überwinden zu lernen. Zu lernen auch, keine Angst vor ihrer Angst zu haben, sondern in die Kraft des Wir – schaffen - das und des Ich – glaube – an - dich zu kommen“. Mit der Zeit konnte Helena auch die logische Konsequenz ihrer Handlungen bewusst erleben, erfassen und daraus lernen. „Begegnen hat wahrscheinlich viel auch mit Entgegnen zu tun, zumindest dort, wo es angezeigt ist. Diesen Aspekt gab es damals in meiner Beziehung zu Helena nicht, vor allem auch deshalb nicht, weil ich dem fatalen Irrtum nachlebte, den vermeintlich rein krankheitsbedingten Ausbrüchen ausgeliefert zu sein. Rückblickend sehe ich die massive Zerstörungswut von Helena im Kern als Ausdruck ihrer Botschaft: ‚Hallo, begegnet mir als Menschen, egal, wie anders ich bin!‘“


Beziehung aktiv gestalten

Damit war ein entscheidender Schritt gemacht, der zur Erkenntnis führte, dass die Beziehung zwischen dem Kind mit seiner Behinderung und seiner Mutter sehr wohl aktiv gestaltet werden kann. „Ich kann Helena mit meinem Handeln erreichen und weiss zugleich, dass dies unter anderem sogar das ist, wonach sich Helena immer gesehnt hat. Zunehmend wurde es dann auch möglich, Helena ins Handeln mit einzubeziehen“, erkannte Veronika Kisling. „Ich bin aufgewacht und habe gemerkt, dass ich Helenas Verhalten nicht einfach nur ausgeliefert bin und mein Kind nicht einfach nur ein ‚gestörtes Stoffwechselprodukt‘ ist.“ Erhellend und wegweisend sind in diesem Zusammenhang die Erkenntnisse der Psychologin und Dozentin an der Ludwig-Schlaich-Akademie, Fachschule für Heilerziehungspflege und Heilpädagogik in Waiblingen, Barbara Senckel. „Ein geistig behinderter Mensch ist in seiner Fähigkeit beeinträchtigt, Reize, die er aus seiner Umwelt oder seinem Körperinneren aufnimmt, in sinnvolle Informationen umzuwandeln und angemessen zu reagieren. Das heisst nicht, dass er das nicht lernt, aber das geistig behinderte Kind braucht viel länger, um elementare Zusammenhänge zu erfassen und Handlungsfolgen zu begreifen.“
So habe das behinderte Kind Mühe zu begreifen, dass ein Gegenstand, der aus seinem Gesichtsfeld verschwindet weiterhin existiert. Deshalb sucht es ihn auch nicht, wenn es ihn vermisst. Erst mit der Zeit erkennt es den Zusammenhang. Ähnlich verhält es sich mit einem bunten Gegenstand, der rasselt, wenn man ihn schüttelt. Es braucht Zeit, bis das behinderte Kind den Zusammenhang erfasst und den bunten Gegenstand zum Rasseln bringt. „Dadurch aber erfährt sich das geistig behinderte Kind immer wieder als unfähig, Einfluss auf die Geschehnisse zu nehmen und die Welt nach seinen Wünschen mitgestalten zu können. Das wiederum hat entscheidenden Einfluss auf die bewussten Steuerungsfähigkeiten des Menschen. Das geistig behinderte Kind ist beeinträchtigt in seinen Möglichkeiten der Urteilsbildung, der Realitätsprüfung und der gedanklichen Vorausschau von Handlungen. Das führt zu einer Ich-Schwäche und, wenn sich die Misserfolge häufen, zu wiederkehrenden Frustrationen“, erklärt Barbara Senckel.


Den Menschen abholen

Auf eine zweite Schwierigkeit weist Veronika Kisling hin. Ihre Tochter wirkt äusserlich wie ein Mädchen von 16 Jahren, in seiner geistigen Entwicklung steht es auf der Stufe eines höchstens dreijährigen Kindes. Lässt man sich von der äusseren Wesenheit von Helena leiten, dann führt das unweigerlich zum Konflikt und zu Frustration. „Umgekehrt kommt niemanden in den Sinn ein dreijähriges Kind mit der Erwartung in die Maturaklasse zu schicken, dass es die Matura besteht“, präzisiert Helenas Mutter die Problematik. „Daher ist es wichtig den Menschen dort abzuholen, wo er sich befindet.“ Hier gilt es sich auf die Fähigkeiten und Möglichkeiten, aber auch die Bedürfnisse des Menschen mit einer Behinderung einzustellen. Ebenso wichtig ist die emotionale Zuwendung und Bestätigung, vor allem gerade auch in den ersten prägenden Lebensjahren. Barbara Senckel erlebt aber auch immer wieder, dass die Kinder aufgrund von unvermeidlichen ärztlichen und klinischen Behandlungen von ihren Bezugspersonen und der vertrauten Umgebung weggenommen werden. Diese häufigen Trennungen können zu schweren psychischen Traumatisierungen führen.
Daher betont die Psychologin die Bedeutung der emotionalen Zuwendung. „Ganz wichtig ist zunächst einmal das aktive Zuhören. Sie müssen ihrem Gegenüber mit grosser Einfühlungsbereitschaft und emotionaler Offenheit begegnen und ihn wertschätzende Nähe spüren lassen. Dann kann es gelingen eine Form der Kommunikation aufzubauen, die entwicklungsfördernd ist.“ Dieses Vorgehen gilt für alle Personen im Umfeld eines Menschen mit einer geistigen Behinderung. Im alltäglichen Leben kann der professionelle Begleiter Bezugsperson sein oder auch nur Berater. „Das Ziel ist, aus einer engen emotionalen Bindung heraus das Ich des behinderten Menschen reifen zu lassen und auf diesem Wege Selbstbestimmung und Selbständigkeit zu fördern. Das verlangt von den Begleitenden ein ganz hohes Mass an emotionaler Präsenz und Achtsamkeit“, betont Barbara Senckel. Die Erfahrungen zeigten aber auch, „dass mithilfe einer entwicklungsfreundlich gestalteten Beziehung geistig behinderte Menschen gefördert werden können.“ Veronika Kisling ergänzt, dass dies im Grunde genommen bei einem gesunden nicht behinderten Kind gleich sei. „Allerdings mit dem grossen Unterschied, dass bei einem Kind mit einer geistigen Behinderung offenbar alles viel klarer, deutlicher und mit viel mehr liebevoller Bestimmtheit vermittelt werden muss.“


Feinabstimmung und „Spiegeln“

Spätestens an diesem Punkt kommt die Bedeutung der Kommunikation ins Spiel. Diese setzt bereits beim Neugeborenen ein, wie Barbara Senckel feststellt, bringe doch jedes Kind ein angeborenes Verhaltensrepertoire mit auf die Welt, mit dem sie ihre Eltern an sich binden könnten. „Das zeigt sich sehr schnell im Entspannungslächeln der Neugeborenen, das noch kein soziales Lächeln ist. Dazu gehört auch die Modulationsfähigkeit der Stimme und dass sie schon gleich nach der Geburt aufmerksam schauen und den Blickkontakt halten können. Die Feinabstimmung über das Schauen funktioniert eigentlich sehr schnell nach der Geburt. Bei Menschen mit geistiger Behinderung ist dieser Mechanismus oft gestört. Das heisst die Kinder entspannen entweder nicht richtig oder viel schwerer und zeigen sehr viel undeutliches Wohlbefinden. Auch kann ein behindertes Kind seine Bedürfnisse meist nicht so schnell mitteilen und fühlt sich dadurch missverstanden. Die Eltern ihrerseits verstehen das Kind nicht und fühlen sich dadurch inkompetent. Das bildet Frustrationen auf beiden Seiten aus.“
Diese Problematik begleitet jeden Menschen mit einer geistigen Behinderung durch sein Leben und ist oft die Ursache von Frustrationen und schmerzlichem Fehlverhalten. Diese zu vermeiden hilft das „Spiegeln“, in dessen Zentrum die Feinabstimmung zwischen den Eltern respektive den Betreuenden und Begleitenden mit dem Menschen mit einer geistigen Behinderung steht. „Für mich verbindet sich damit ein erlösendes ‚Aha-Erlebnis‘, dass ich mit dem Eingehen auf Helenas Kommunikation ein beidseitiges Fehlverhalten verhindern oder noch rechtzeitig auflösen kann. Helena hat keinen sehr grossen Wortschatz, aber ein starkes Mitteilungsbedürfnis. Konkret geht es darum ihr aktiv interessiert zu zu hören, auch wenn es sich zunächst vielleicht um den immer gleichen Satz handeln sollte. Ich kann spielerisch und mit Variationen darauf eingehen und ihr so bestätigen, dass ich sie verstanden habe. Oder ich nehme eine Geste von ihr auf und gehe darauf ein. Oder ich bin aufmerksam und schaue genau, was sie gerne macht und biete ihr das möglichst oft an. Das alles ist Kommunikation. Ebenso gebe ich ihr meine Bedürfnisse bekannt, schaffe einfache Regeln und Normen, denen sie folgen kann. Diese geben ihr zugleich den nötigen Halt im Alltag. Die erfolgreiche Umsetzung setzt aber auch ein ständiges Üben voraus, damit sie zur Selbstverständlichkeit werden.“
Mehr Information über die entwicklungsfreundliche Beziehung finden Sie unter: www.efbe-online.de. Da gibt es auch Vorträge zum downloaden (u.a. Die „Entwicklungsfreundliche Beziehung“ – ein Angebot für Menschen mit schwerer Verhaltensauffälligkeit)
Am Sonntag 28. Oktober um 11 Uhr hält Barbara Senckel einen öffentlichen Vortrag in der Heilpädagogischen Tagesschule Flawil/SG. Der freiwillige Austritt geht vollumfänglich an das Projekt „Ich bin da“.


Wichtiges in Kürze

Der wichtigste Wirkfaktor der entwicklungsfreundlichen Beziehung- und deswegen auch das theoretische und methodische Zentrum – ist die Beziehung, die sich am Bedürfnisniveau des Gegenübers orientiert. Sie verhilft zur Überwindung von Entwicklungsblockaden, sowie zur Entfaltung brach liegender Potentiale, so dass sich problematische Verhaltensweisen verringern. Dadurch bewirkt sie eine Harmonisierung und Reifung der gesamten Persönlichkeit. Die EfB eignet sich sowohl zur Unterstützung der Entwicklung von normal begabten Kindern als auch von Menschen mit geistiger Behinderung.


Einige praktische Grundsätze:

Spiegeln, immer wieder spiegeln, d.h auf die Feinabstimmung in der Kommunikation achten und bewusst auf die Möglichkeiten des Gegenübers sich auszudrücken, eingehen. Das aktive Zuhören, verbunden mit wertschätzendem Spiegeln ist die zentrale Methode zur Verwirklichung einer entwicklungsfördernden Kommunikation.

Tägliche klare und schöne Rituale, die den Beteiligten Freude bereiten.

Darauf achten, was dem behinderten Kind Freude bereitet und diese Tätigkeiten möglichst oft anbieten. Dasselbe gilt für gemeinsame schöne Tätigkeiten. So oft es geht, sollte der behinderte Mensch auch in die Tätigkeiten der Begleitperson einbezogen werden.

Sorgfältige Gestaltung von Situationen, die als schwierig bekannt sind. Sehr häufig sind das Übergangsituationen (zum Beispiel der Übergang in die Nacht, das Nach-Hause-kommen aus der Schule)

Klare Regeln und Normen, soweit das Verständnis dafür ausgebildet ist. An den Entwicklungsbedürfnissen orientierte Strukturen und Gewohnheiten ebenso wie das Vorbild und die Präsenz der Erwachsenen erleichtern
das Einhalten von Regeln.

Genügend Freiräume zur Selbstbestimmung. Deren Maß richtet sich einerseits nach der Verantwortbarkeit, den Menschen mit geistiger Behinderung die Konsequenzen seines Handelns selbst tragen zu lassen, und andererseits nach der Zumutbarkeit für das soziale Umfeld.

Weiter Informationen zu Barbara Senckel und die entwicklungsfreundliche Beziehung unter:
http://www.efbe-online.de/